Das Drama Moment der Wahrheit basiert auf einem realen Konflikt aus der Frühzeit der
industriellen Moderne. Im Zentrum steht der Uhrmacher und Erfinder Christian Reithmann,
der bereits um 1860 einen funktionsfähigen Viertaktmotor entwickelte – Jahre bevor dieser
unter dem Namen Nicolaus August Otto weltbekannt wurde. Dass sich dennoch Ottos
Name in der Technikgeschichte durchsetzte, ist kein Zufall, sondern Ausdruck der
tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts.
Die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts war geprägt von Industrialisierung, Kapitalbildung und der Entstehung großer Unternehmen. Technische Innovationen entstanden nicht mehr allein in Werkstätten einzelner Tüftler, sondern zunehmend in industriellen Strukturen, die über Geld, Patente, Märkte und juristische Absicherung verfügten. In diesem Umfeld hatte ein einzelner Erfinder wie Reithmann – handwerklich brillant, aber wirtschaftlich schwach – kaum Chancen, seine Leistung dauerhaft durchzusetzen.
Historisch belegt ist, dass Reithmann in den 1880er Jahren gegen die Patente der
Gasmotorenfabrik Deutz klagte und 1886 zunächst Recht bekam: Das Gericht erkannte an,
dass er zeitlich früher an der entscheidenden Technik gearbeitet hatte. Doch dieser
juristische Erfolg erwies sich als fragil. In der Revision wurden seine Beweise als
unzureichend bewertet, Zeugenaussagen relativiert, und letztlich setzten sich die
wirtschaftlich und institutionell stärkeren Akteure durch. Der Viertaktmotor ging in die
Geschichte ein – jedoch nicht unter Reithmanns Namen.
Das Stück verdichtet diese historischen Vorgänge zu einer persönlichen und moralischen
Entscheidung. Ob es einen konkreten „Deal“ gegeben hat, wie er im Drama gezeigt wird, ist
historisch nicht eindeutig belegt. Belegt ist jedoch, dass Reithmann eine finanzielle
Absicherung erhielt und auf weitere juristische Schritte verzichtete. Das Drama macht aus
diesem historischen Befund eine zugespitzte Situation: Wahrheit wird nicht widerlegt,
sondern bewusst nicht mehr ausgesprochen.
Damit erzählt Moment der Wahrheit mehr als nur die Geschichte eines übergangenen
Erfinders. Das Stück zeigt exemplarisch, wie Geschichte entsteht – nicht allein durch Fakten, sondern durch Machtverhältnisse. Der Viertaktmotor wird zum Symbol für den Fortschritt selbst, dessen Erfolge oft auf Kosten derjenigen gehen, die ihn ursprünglich ermöglicht haben.
Reithmann steht für eine Welt, in der Leistung und Anerkennung noch zusammenzufallen
schienen; Otto und Langen verkörpern eine neue Ordnung, in der Durchsetzungskraft wichtiger ist als Ursprung.
So richtet das Drama den Blick weniger auf technische Details als auf eine bis heute aktuelle Frage:
Was geschieht mit der Wahrheit, wenn sie den Interessen eines Systems im Weg
steht?
Die Antwort des Stücks ist leise, aber eindeutig – und gerade darin liegt seine bleibende
Wirkung.